Licht-Schein

Dr. Stefanie Kreuzer
K21 Kunstsammlung im Städehaus

  Die Reihe Reflexionen von Naruki Oshima zeigt Fotoarbeiten, die scheinbar immer wieder an dieselben Orte, nämlich über die Glasoberflächen moderner Architekturen an die Oberfläche des Bildes zurückzukehren scheinen. Dennoch ist ihre Verortung nicht im konkreten, lokalen Sinne zu verstehen, sondern es handelt sich hierbei um eine Rückkehr zu einem Topos, zu einem Bild. Bilder,

die, obgleich sie im Titel Ortsangaben – wie z.B. Düsseldorf Flughafen – beinhalten, sich einer genauen Bestimmung entzieht und auf ihre eigentliche Funktion des Widerspiegelns zu verweisen scheinen.

  Das bildliche Konstrukt wird damit vom Betrachter als ein Konstrukt aus Reflexionen und Lichtspielen wahrgenommen und lässt sich über den Zusammenhang mit moderner Architektur auch als ein Bild für Konstruktion kultureller Wirklichkeit im allgemeinen lesen. Wird sich der Betrachter einmal der Struktur bewusst, so versteht er die spiegelnden Oberflächen der Sujets der Fotografien als einen veränderbaren Vorschlag, als eine historisch wandelbare Position und nicht mehr als unveränderbare, ontologische Bedingungen der Realität.

  Damit scheinen sich die Arbeiten von Naruki Oshima in konzeptueller Nähe zur Theorie der Informationsgesellschaft zu bewegen, deren Grundtendenz die Wirklichkeit, im Unterschied zur Industriegesellschaft, über Informationen generiert sieht. In einer solchen Konstellation ist die Erfahrung der Welt, wie es Jean Baudrillard formuliert, nur noch radikal „unoriginal“, d.h. vermittelt über Bilder möglich. Baudrillard benennt diese Position mit dem Begriff des „Hyperrealismus“, da das Reale dort zu existieren aufhört, wo die klassischen Formen der Reflexion, nämlich die Abbildung des Realen, sich nicht mehr vom Realen differenzieren lassen. Der Betrachter liest die Zeichen als Simulakren, die er nun als real ansieht. In einer solchen Situation wird die Unterscheidung zwischen Realität und Simulakrum oder mit den Fotografien gesprochen die Unterscheidung von Innen und Außen bzw. die Unterscheidung zwischen Spiegelung und Gespiegeltem sinnlos. Naruki Oshima operiert somit mit ‚hyperrealen‘ Oberflächen, deren Macht der Simulation er reflektiert und in Spiegelungen und Lichtspielen als Struktur deutlich werden lässt.

  In diese ‚als ob’-Situation greift Naruki Oshima manipulierend ein, indem er die Farben einiger Objekte verändert, um Perspektiven zu verunklären und so das Bild in eine Art Schichtung unterschiedlich transparenter Ebenen verwandelt, oder indem er eine leicht eingefärbte transparente Ebene teilweise vorblendet, um so die Sichtbarkeit bzw. die Reflexion und die Verzerrung zum eigentlichen Thema des Bildes zu erheben.

  Die hier zusammengestellten Arbeiten verbinden großstädtische bzw. Urbane Situationen, wie Düsseldorf, Frankfurt und Osaka mit transitorischen Orten wie z.B. Flughäfen – hier Düsseldorf und Frankfurt – und zeigen in ihrer Bildsprache die beunruhigende Diskrepanz von Ding und Zeichen auf. Der Betrachter muss sie in ein Bedeutungssystem einordnen, in dem er nicht immer entscheiden kann was ist innen und was ist außen, die Grenzen verschwimmen in einem Mix aus Reflexions- und Lichtebenen. In einem derartigen Fluss spiegelnder Bilder funktioniert das Bild auf der Oberfläche, d.h. es muss mannigfaltigst Beziehungen zu anderen Repräsentationen und damit zu weiteren verfügbaren kulturellen Bildern setzen! Wirklichkeit, Bild, Fiktion und Struktur treten in diesen Arbeiten gleichberechtigt nebeneinander und damit in eine neue Ordnung des Visuellen ein. Naruki Oshima schlägt eine fragile Ordnung aus ephemeren Spiegelungen und eine prekäre Struktur transparenter Ebenen vor, die verdoppeln und brechen, die durchscheinen und aufscheinen – in jedem Fall aber die Betrachtung in das Betrachtete miteinbezieht.

(Düsseldorf, Nov. 2002)